Donnerstag, 18. September 2014

Was seit Wilhelm Busch geschah...

Bernd Berke war Jahrzehnte lang
bei der Westfälischen Rundschau
(die inzwischen ein beklagenswertes
Zombie-Dasein fristet)
Bernd Berke, der das tolle Ruhr-Kultur-Blog revierpassagen.de führt, in dem rund 20 Autorinnen und Autoren schreiben (Tipp: links unter "Bessere Blogs" ist stets der neueste Beitrag zu finden), ist Kultur-Journalist. Also kann er viel fachmännischer über eine Ausstellung in Oberhausen schreiben, bei der ich wohl immer nur haaach und oooh machen würde: Comics. Ich bin bekennender Fan seit Kindertagen und horte im Keller einige tausend Hefte und Bände. Bernd schrieb zum Ausstellungsbeginn einen Blog-Beitrag, den ich hier mit seiner Erlaubnis übernehmen darf - proudly presented:

Von BERND BERKE

Da hat man sich in Oberhausen hübsch was vorgenommen: Nicht weniger als die ganze Geschichte des deutschsprachigen Comics seit Wilhelm Busch will man in prägnanten Beispielen nacherzählen. Besucher der neuen Ausstellung „Streich auf Streich“ dürfen ausgiebig der Augenlust frönen, sehen sich aber auch gefordert.

Wilhelm Busch: Zeichnung aus “Max und Moritz”,
1865 (© Wilhelm Busch – Deutsches Museum für
Karikatur und Zeichenkunst)
In Zahlen: Die Tour durch 150 Jahre Comic-Historie ist in 15 Kapitel („Streiche“) unterteilt, rund 300 Originalzeichnungen und 60 Erstdrucke sind in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Die Schau erstreckt sich weitläufig über mehrere Etagen und umfasst die ganze mediale und stilistische Bandbreite. Gastkurator Martin Jurgeit zeigte sich höchst angetan von solchen Ausbreitungs-Möglichkeiten. Er kann in Oberhausen noch mehr auftrumpfen als in Hannover, für dessen Wilhelm-Busch-Museum er die Schau geplant hat.

Der wahrhaft vielfältige Rundgang beginnt beim Vorvater und frühen Großmeister der Zunft: Wilhelm Busch hat tatsächlich bereits typische Merkmale der allmählich entstehenden Gattung entwickelt, die vor allem Erzählrhythmik, Dynamik und Lautmalerei betreffen.

Bildergeschichte aus der
Zwischenkriegszeit:
e. o. plauen “Vater und Sohn”,
1930er Jahre (© Wilhelm Busch –
Deutsches Museum für
Karikatur und Zeichenkunst)
Sein feinfühliger, oftmals auch zupackend furioser, stets trefflicher Strich prägt unvergängliche Bildergeschichten. Davon bekommt man auch in Oberhausen einige herrliche Kostproben. Man schaue nur seine fulminante Darstellung eines Klaviervirtuosen an, der wechselnde Tempi und Stimmungswerte erklingen lässt. Bewegter geht’s nimmer.

Fast schon tragisch zu nennen, dass es dem Schöpfer von „Max und Moritz“ (1864/65) und vieler anderer berühmter Gestalten peinlich war, auf solche Weise sein Geld zu verdienen. Dabei überragte er seine Zeitgenossen auf diesem Gebiet bei weitem. Doch schon mit 51 Jahren zog er sich, mit Tantiemen bestens versorgt, aus dem unterhaltenden Gewerbe zurück und malte fortan nur noch „seriös“ – aber beileibe nicht genial. Wie hat der Mann, offenbar fehlgeleitet von klassischen Bildungsidealen, sich selbst verkannt!

Mittelbar hat das Werk von Wilhelm Busch auch den Anstoß für zahlreiche Kreationen in der Frühzeit der US-amerikanischen Comics gegeben. Im Auflagenkampf der Zeitungsmogule (Hearst vs. Pulitzer) waren die gezeichneten Geschichten ein unverzichtbares Mittel, um Tagesblätter populär zu machen. Von deutschstämmigen Zeichnern verlangte der Verleger Hearst ausdrücklich Strips im Gefolge des Wilhelm Busch, wortwörtlich: „something like Max and Moritz“. Und so geschah es. Rudolph Dirks, aus Heide (Schleswig-Holstein) in die Staaten ausgewandert, schuf mit „The Katzenjammers Kids“ (ab 1897) eine Inkunabel des Comics, die pfeilgerade bei Wilhelm Busch ansetzte. Es war damals nicht der einzige deutsche Einfluss auf diese aufstrebende Kunstform. Selbst der Bauhaus-Lehrer Lyonel Feininger gab mit „The Kin-der-Kids“ einen lange nachwirkenden Impuls.

Die opulente Schau verfolgt Traditionslinien noch und noch. So ist ein Kapitel der (politischen) Satire gewidmet. Im Blickpunkt stehen hierbei der legendäre „Simplicissimus“ (Olaf Gulbransson, Th. Th. Heine), der von 1896 bis 1944 erschien. Diese Überlieferung riss freilich ab. Erst ab Anfang der 1960er Jahre belebten Zeichner wie Robert Gernhardt, F. K Waechter und Chlodwig Poth diesen Strang im Satiremagazin „Pardon“ neu, beim nominellen Nachfolger „Titanic“ pflegt man das Genre nicht mehr.

Reinhold Escher: Mecki, 1950er Jahre
(© Reinhold Escher/HörZu)
Die Illustriertencomics der bundesdeutschen Nachkriegszeit (Anfänge etwa seit 1949) kommen gleichfalls in Betracht: HörZu („Mecki““), Quick („Nick Knatterton“) und Stern waren die Vorreiter. Der „Stern“, für den zeitweise auch Loriot arbeitete, leistete sich die Kinderbeilage „Sternchen“, die ihr Publikum nicht zuletzt mit Comics unterhielt.

Selbstverständlich kommt man um Heftchenreihen wie Disneys Micky Maus (in Deutschland ab 1951 und gleich konkurrenzlos vollfarbig) oder den deutschen Nacheiferer Rolf Kauka und sein „Fix und Foxi“ (ab 1953) nicht herum. Durch die mehr als kongeniale Übersetzung von Erika Fuchs erhielten auch Micky Maus und Donald Duck sozusagen eine „deutsche Tönung“. Außerdem legten später etliche deutsche Zeichner Hand an.

Walter Moers:
Kleines Arschloch, 1990
(© Walter Moers)
Und weiter, weiter: Da geht’s vorbei an Abenteuercomics im Streifenformat („Sigurd“, „Akim“ und Artverwandtes), an Comic-Alben der 70er bis 90er Jahre, in denen beispielsweise Gerhard Seyfried und Walter Moers („Das kleine Arschloch“) eminente Auflagen erzielten, an Autorencomics, z. B. von Ralf König und Volker Reiche, die beide auch das edle FAZ-Feuilleton mit täglichen Beiträgen zierten…

Überhaupt hat sich der Comic, der bis in die 60er Jahre hinein noch unter Schundverdacht stand, längst auch in der Hochkultur etabliert. Seit einigen Jahren floriert die sogenannte „Graphic Novel“, in der Comic-Erzählweisen aufs Niveau ambitionierter Romane geführt werden und ästhetisches Neuland erobern. Solche Schöpfungen erscheinen denn auch als Bücher in den großen literarischen Verlagen.

Hendrik Dorgathen: “Bubbles”
(Sprechblasen),
2012 (© Hendrik Dorgathen
Auf diesem Gebiet zählen deutsche Künstler abermals zur internationalen Vorhut. Ein Mann wie Hendrik Dorgathen zeichnet auf professoralen Reflexionshöhen. die gleichsam immer die lange und windungsreiche Geschichte des Comics mitbedenken.

Rund 150 Jahre sind seit „Max und Moritz“ vergangen. Die letzten Ausläufer der verzweigten Schau lassen ahnen, dass endlich auch einmal Frauen von sich reden machen, und zwar vor allem mit „Germangas“, also der deutschen Spielart japanischer Mangas. Außerdem tut sich schließlich das weite Feld der Internet-Produktionen auf, die wiederum neue Erzählstrukturen hervorbringen. Hier können neuerdings deutsche Künstler regelmäßig US-Actioncomics zeichnen, ohne deshalb gleich auswandern zu müssen.

Im Manga-Stil:
Martina Peters,
“Miri Maßgeschneidert”,
2012 (© Martina Peters)
Gewiss: Man hätte entschiedener Schwerpunkte setzen, Schneisen schlagen und dafür anderes auslassen können. Der ehrgeizige Gesamtüberblick droht hie und da zu zerfasern. Aber wenn man sich Zeit lässt und es dann irgendwann im Katalog nachlesen kann…

„Streich auf Streich“. 150 Jahre deutschsprachige Comics seit Max und Moritz. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46. Vom 14. September 2014 bis zum 18. Januar 2015. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 8 €, ermäßigt 4 €. Es erscheint ein Booklet für 4 €.

Schotten ziehen blank

Die Schotten stimmen über ihre Unabhängigkeit ab. Ein großes Thema, auch in allen Medien. Klar, dass sich auch zwei meiner Lieblingszeichner, Berndt A. Skott und Heiko Sakurai, Gedanken zum Thema machen. Die Schotten ziehen blank ... bei beiden, proudly presented:


Karikatur: Berndt A. Skott
Karikatur: Heiko Sakurai

Dienstag, 16. September 2014

Journalismus-Zukunft: Unsinnige Debatten

Peter Welchering
Hört mit der unsinnigen Diskussion über die Zukunft des Journalismus auf und macht statt dessen wieder eure Arbeit als Journalisten. Dazu ruft Peter Welchering in seinem Blog auf. Der Stuttgarter (der hier schon einmal über Lokaljournalismus schrieb) arbeitet mit einem eigenen digitalen Hörfunkstudio für öffentlich-rechtliche Sender, lehrt an Journalistenschulen und als Medientrainer und ist im Landesvorstand des DJV Baden-Württemberg. Hier sein "höchst subjektiver Zwischenruf" - proudly presented:

Von PETER WELCHERING
 
Auf allen möglichen Konferenzen, in Blog-Beiträgen und in viel zu vielen Feuilleton-Beiträgen wird über die Zukunft des Journalismus diskutiert, wehgeklagt und vor allen Dingen lamentiert. Von einem aussterbenden Gewerbe ist die Rede; gefordert wird, die journalistische Tätigkeit als gemeinnützige im steuerrechtlichen Sinne anzuerkennen, und einige wollen den Journalismus herrlichen crossmedialen Zeiten entgegenführen.
 
Neue Finanzierungsmodelle, neue Formen der Zugangsbeschränkung in diesen einst freiesten aller Berufe, von neuen Journalismen wird geraunt, die die alte, verstaubte, aus den Zeiten des Print und des Rundfunks stammende Profession ablösen wird. Die Zukunft des Journalismus liegt dann wahlweise im Drohnen-Journalismus, im Daten-Journalismus oder im Roboter-Journalismus. Neue Studiengänge entstehen, die die Zukunft des Journalismus absichern sollen, aber eigentlich nur die Segmentierungstheorie aus den 1980er-Jahren auf die journalistische Ausbildung anwenden, derzufolge damals aus Musikwissenschaft das Spezialfach mittelalterliches Flötenspiel zu werden hatte.
 
Zukunftspapiere entstehen zu Hauf. Man kann sie gar nicht alle lesen, und es lohnt zum größten Teil auch nicht. Die einen

Sonntag, 31. August 2014

Mogelpackungen

"Also, ich blicke nicht mehr durch“, stöhnte Werner, mein Kioskchef umme Ecke. „Nirgendwo ist mehr drin, was drauf steht.“ Vorhin, erzählte er, kam einer und schnappte sich die NRZ. „Der Bursche nahm den Lokalteil raus und fummelte den dann einfach in die RP hinein. Dann sagte er: So, jetzt kaufe ich die RP.“

Werner war geschockt und fragte natürlich, was das soll. Die Antwort verwirrte ihn völlig: „Der sagte: Also, ich finde die RP besser als die NRZ. Aber die NRZ kriegt den Lokalteil der RP. Und den dürfen die NRZ-Redakteure dann noch aufmotzen. Die nehmen die besten lokalen Geschichten aus der RP und schreiben dann noch eigene dazu. Die Verlagschefs haben zwar gesagt, dass die NRZ mit der NRZ ohne so viele Redakteure vor Ort eigentlich das Beste wäre. Aber die RP mit der NRZ, die eine aufgemotzte RP ist, ist noch besser.“

Werner kippte einen Magenbitter. „Verstehst Du das? Das sind doch dann alles Mogelpackungen, ohne durchgehendes Profil, Sodom und Gomorrha!“

Ich versuchte, ihn zu trösten. „Den Trick mit zusammengekauften Inhalten von früheren Konkurrenten, wie damals bei der WR, finden viele Verlagschefs halt toll. Auch die WZ wird jetzt 'ne Wundertüte. Und in Münster oder Köln sind weitere Mogeleien geplant, sogar in Castrop-Rauxel. Alles der Vielfalt wegen.“

Oma Trude kam dazwischen, warf einen Euro auf die Theke. „Ich hätte gern außenrum die Süddeutsche und drinnen den Lokalteil der NRZ Essen, solange er noch von der NRZ ist, dazu die Wirtschaft von der WELT, die Wochenendbeilage der Westfalenpost und den Sportteil der BILD.“ Werner warf sich weinend hinter den Zeitungsständer.



Samstag, 16. August 2014

Totes Holz, totes Holz

Spaziergänge im Blätterwald machen zur Zeit wenig Spaß. Klaus fluchte: „Ruhe? Pah! Immer wieder schlagen Äxte einzelne Lokaläste ab. Inzwischen legen die sogar ganze Zeitungsbäume flach. Da kannste Dich noch so ins Zeug legen.“
 
Katie knirschte mit den Zähnen: „Und überall schleichen diese gierigen Forstberater um die Bäume und wollen an ihnen schütteln, bis noch mehr aus den Nestern fliegen.“ Fritz maulte: „Mich nerven auch die anderen Horden, die durch den Blätterwald laufen und rufen: Wir nehmen's uns einfach!“ Petra schaute auf: „Du meinst diese Silizium-Jünger, die überall Plastikschilder antackern: Totes Holz, totes Holz?“ Fritz nickte.
 
Klaus gluckste kurz auf: „Viele von denen sollen sich ja schon verlaufen haben.“ Wir stutzten. Wieso denn das? „Weil sie den Ausweg auch nicht fanden.“
 
Endlich war auch mal wieder Lachen im Blätterwald zu hören. Bitteres Lachen.
 
 

Mittwoch, 13. August 2014

WDR - Wider Den Rasenmäher

Viele Millionen Euro, allein 30 in 2015, will bzw. muss der immer noch recht neue WDR-Intendant Tom Buhrow (sagte vor dem Amtsantritt: "Ich bring' die Liebe mit") einsparen. Dafür soll im Programm (und damit vor allem bei den Freien Mitarbeitern) kräftig gekürzt und  über Jahre hinweg 500 Planstellen abgebaut werden. Der DJV NRW, die WDR Freien und die DJV-Betriebsgruppe fordern: Keine Rasenmäher-Methoden. Wenn schon sparen, dann intelligent und gemeinsam.



Karikatur: Karlheinz Stannies


Sonntag, 10. August 2014

Modellauto-Affäre: Alles noch schlimmer...

Staatskanzlei-Chefin Christine Haderthauer, ihr Mann, die Modellautos, die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Fiskus - der typisch bayerische Komödienstadl unterhält uns gerade mal wieder prächtig. Karikaturist Heiko Sakurai enthüllt jetzt das ganze Ausmaß, auf seine unnachahmliche Weise.
Karikatur: Heiko Sakurai

Titel: Wenn Seehofer DAS wüsste.

Heiko zitiert per Zeichenstift die legendären Dalton-Vettern des belgischen Comics-Zeichners Morris, die von Lucky Luke immer wieder ins Kittchen gebracht werden.

Ich bin sehr froh, hier ab und zu die schönsten Werke von Heiko und anderen begnadeten Kollegen zeigen zu dürfen, sprich: proudly presented.



Samstag, 9. August 2014

Erzähl mal 'ne Schtorri

Kneipengast Peter hatte schon leicht einen im Tee. Er wankte an unseren Stammtisch, nuschelte: „Was ist eigentlich dieses Schtorritälling? Die anne Theke sagen, Ihr müsst das jetzt können. Sonst klappt's nicht mit dem Internetz.“

Wir steckten gerade mitten in der weltmeisterlichen Nachlese. Kann man eigentlich nochmal nur mit Verteidigern zur Tarif-WM fahren? Ist es auf Dauer gut, wenn die Akteure aus so wenigen Vereinen kommen? Und: Was tun, wenn der Gegner vom Platz geht? Bis in die Kabine verfolgen? Solche Sachen. Hinterher sind ja alle Trainer.

Klaus nahm sich Peters Frage an: „Wenn Deine Frau Dich nachher fragt, wo Du her kommst, was sagst Du dann?“ Peter blies die Backen auf: „Öhm, ich sage: Ich komme aus der Kneipe.“ Klaus nickte: „Siehste, das wäre eine Meldung, höchstens ein Bericht. Knapp, nachrichtlich. Wenn Du ihr aber eine Geschichte aus der Kneipe erzählst und die schön ausmalst mit Gesten und Mimik – das ist dann Storytelling.“

In Peters Augen glitzerte Verstehen auf. Lothar setzte nach: „Am besten, Du erzählst dazu noch den neuesten Brüller-Witz vom Wirt und bringst als Beweis Deinen Deckel mit.“ Katrin machte die Story rund: „Und Zeugenaussagen, dass Du diesmal die Finger von Wanda gelassen hast.“ Die Kellerin lächelte im Vorbeigehen und schüttelte sanft den Kopf.

Peter strahlte: „Ach, so geht das. Na, die wird begeistert sein.“ Er dreht ab: „Muss jetzt los. Meine Frau hat Geburtstag.“ Stefan giggelte: „Singt da bei der Pressekonferenz auch ein ZDF-Mann ein Ständchen?“ Martina winkte ab: „Nur wenn wir sie im Ranking vorher zu Deutschlands Drittbester machen.“

Wir fassten uns prustend an den Schultern, zogen in von Zukunftssorgen und Tariffluchten tiefgebückter Polonäse durch die Kneipe: „So spotten Journalisten, Journalisten spotten so...“ Ein weltmeisterlicher Auftritt.