Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Lizenz zum Tarifeln

Es wurde mucksmäuschenstill im getäfelten Büro des Notars. Der Mann öffnete den Umschlag: „Wir kommen jetzt zur Verkündung, welche Gewerkschaft die größte ist im Betrieb.“ Der DJV hat zwölf Mitglieder, zählte er auf, die dju fünf. Wir schauten rüber zu den verdi-Kollegen. Wahrscheinlich würden wir wieder gemeinsame Sache machen in der Tarifrunde. „Aber“, sagte der Notar...

„...die neue Gewerkschaft der Boten hat 55 Mitglieder und darf somit als einzige hier im Betrieb einen Tarifvertrag abschließen.“ Wir schauten uns an. Die „Bringer“? So hatte sich die Boten-Gewerkschaft genannt, die sich kurz nach Inkrafttreten des Tarifeinheit-Gesetzes gegründet und für allgemein zuständig im Betrieb erklärt hatte. Schließlich war bei ihnen auch der Redaktionsbote organisiert.

Der Verlagsmanager grinste, sein Plan war aufgegangen: Erst die tariflose Auslagerung aller anderen Abteilungen, bis die Mehrheit feststand, jetzt Verhandlungen nur mit den Boten. Klasse, kein Journalismus-Geschwafel mehr. Danke, Frau Nahles, für diese Art der Tarifeinheit.

Der Notar überreichte den „Bringern“ die Lizenz zum Tarifeln. Uns drückte er die obligatorische Einladung in die Hand: einmal Kaffeetrinken mit dem Arbeitgeber. Aber er muss zuhören, hatte die Ministerin ihre Reform bejubelt.

Wir schlichen bedröppelt aus der Kanzlei. Auch in anderen Medienhäusern gab es neue Gewerkschaften. Bei der Frauenzeitschrift Birgit zum Beispiel wurden alle rausgeworfen, damit die verbleibenden Chefs die Mehrheit hatten. Sie tauften ihre Gewerkschaft „Das Rückgrat“. Jedenfalls bis herauskam, dass sie keins hatten.

Es gab auch Medienhäuser, die die Gewerkschaften gleich ganz rauswarfen. Ein Verlag hatte gerade seine Redaktion vor die Wahl gestellt: Tariflose Billig-Verträge oder Kündigungen. Ach, und wenn ihr gewerkschaftliche Hilfe holt, feuern wir erst recht. Überzeugende Argumente. Aus einer vergangenen Zeit, die die Gutsherrn wohl zurücksehnten. Uns fröstelte.

Samstag, 13. Dezember 2014

Tarifeinheit ist Tarifzensur pur

Klar, Berichte über die Lokführer- und Pilotenstreiks gab's en masse. Aber Karikaturen zum Thema Tarifeinheit - also zur gesetzlichen Retourkutsche von Großer Koalition und Wirtschaft und DGB - gibt es gar nicht so viele. Nur noch die Mehrheitsgewerkschaft im Betrieb darf Tarife abschließen? Siehe auch hier. Zu weit weg scheint dieses Thema, das allerdings für die Arbeitnehmer im Betrieb so wichtig sein kann - und eigentlich gegen das Grundgesetz verstößt. Deshalb bin ich froh, dass der Kölner Karikaturist Heiko Sakurai eine erhellende Zeichnung zur Tarifeinheit gemacht hat - die Profi-Karikatur, proudly presented:

Karikatur: Heiko Sakurai

"Das geplante Gesetz zur Tarifeinheit ist pure Tarifzensur" und "schlicht verfassungswidrig" urteilt der Bayerische Journalisten-Verband hier. Für den BJV durfte ich - freu - Karikaturen zur Tarifeinheit anfertigen, u.a. diese:


Karikatur: Karlheinz Stannies

The bigger takes it all - und die kleinere Gewerkschaft darf mit den Arbeitgebern nicht streiten, sondern nur einmal sprechen? Wenn sich diese widersinnige Denke  z.B. auch bei Journalisten durchsetzt, kämen auch Politiker in die Bredouille. Das soll meine Karikatur für das Journal des DJV NRW verdeutlichen:


Karikatur: Karlheinz Stannies

Ich bin gespannt, ob es im weiteren gesetzgeberischen Verfahren ein Umdenken bei der Politik gibt. Allerdings haben andere Vereinbarungen der Großen Koalition - von Herdprämie bis Maut - gezeigt: Nicht die Regierungsjahre sind wichtig, sondern der stur abzuarbeitende Koalitionsvertrag - inklusive aller versprochenen Zückerchen für unterstützende Interessengruppen.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Thema Bloggertag

Noch ein Nachtrag zum Bloggertag vom Journalistenzentrum Haus Busch und dem DJV NRW in Hagen: Hier gibt's gerade unter "Thema Bloggen" ein paar Zeilen sowie Links und auch diesen kurzen Film. bei dem ich - ohne es gewusst zu haben - sogar eine kleine Rolle spiele:



Freitag, 5. Dezember 2014

In unserer kleinen Welt im Sauerland

Stefan Aschauer-
Hundt - etwas zu ihm
und seinem Team
findet man hier,
ein Video hier.
Stefan Aschauer-Hundt habe ich beim Bloggertag in Hagen zum ersten Mal getroffen. Stefan ist eingefleischter Lokalredakteur, macht das Süderländer Tageblatt. Ein Käseblatt, mag sein. Aber eines, das Journalisten-Preise kassiert. Stefan erhielt z.B. den Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung - und das gleich zweimal. Für ihn und die Redaktion hagelte es geradezu Preise für Geschichtsaufarbeiten, Wirtschaftsthemen, Leser-Blatt-Bindung. Immer noch Käseblatt? Ich bat Stefan, mal etwas über die kleine Welt des Süderländers zu schreiben. Tat er prompt, danke - proudly presented:

Von STEFAN ASCHAUER-HUNDT

Da schreibt Charly so treffend über den Bloggertag „Nur guter Journalismus zählt – egal wo“ – und damit meint er ganz gewiss, dass es ihm nicht darum geht, ob die Arbeit gebloggt oder gedruckt wird. Recht hat er, der Charly … und ich möchte hinzufügen, dass wir den Ort, an dem „guter“ Journalismus stattfindet, erweitern könnten: „Guter Journalismus“ ist möglich auf allen Kanälen und an jedem regionalen Standort, auch und gerade auf dem Land.
 
Ob unser Journalismus „guter Journalismus“ ist, wagen wir nicht zu beurteilen. Wir strengen uns aber an, jeden Tag etwas Gescheites abzuliefern, damit wir damit vor den Lesern bestehen können und uns morgens in den Spiegel zu schauen trauen.
 
Wir, das sind die Redakteure und Volontäre des Süderländer Tageblatt in Plettenberg am südlichsten Zipfel des Märkischen Kreises, direkt an der Grenze zum Kreis Olpe. Der Zeitungsverlag ist der kleinste in NRW; er ist ein reiner Familienbetrieb. Derzeit sind wir acht Redakteure und – je nachdem – ein oder zwei Volontäre. Eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft, die aus der Stadt Plettenberg (rd. 26.000 Einwohner), der Gemeinde Herscheid (rd. 7.500 Einwohner) und aus dem Umland berichtet. Je nach Materialanfall bauen wir zwischen acht und 20 Lokalseiten (Stadt, Gemeinde, Umland, Lokalsport, lokale Anzeigenseiten.
 
Käseblatt? Na klar,

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Nur guter Journalismus zählt - egal wo

Brauchen Blogger journalistische Kompetenzen? Mit dieser leicht provokativen Fragestellung hatten das Journalistenzentrum Haus Busch und der DJV NRW zwei Dutzend Blogger nach Hagen gelockt. Ein Abend, der sich lohnte.

Fragen ohne Ende. Aber auch Antworten? Der Blogger-
Treff in Hagen soll weitergeführt werden. Foto: @alexpresse
Schnell war klar: Jeder Jeck ist anders. Jeder Blogger hat eigene Kompetenzen, Hintergründe, Möglichkeiten, Absichten, Ziele. Genauso deutlich wurde: Ja, journalistische Kompetenzen wären wirklich wünschenswert für alle. Vor allem aber: Journalistische Qualität ist letztlich das einzige, was zählt - egal ob im Blog, in der Zeitung, bei Radio oder Fernsehen.

Der Kanal ist zweitrangig, ebenso wer mit welcher Vor- und Ausbildung die geforderte Qualität liefert. Zwei Erkenntnisse aus der Diskussion: Nicht jeder Journalist ist ein guter Blogger. Aber auch nicht jeder Blogger ist ein guter Journalist. Und: Manchmal sind gute Blogger, weil sie für ihr Thema brennen, besser als Profis, die in ihren ausgedünnten Redaktionen frustriert und verunsichert Fließbandarbeit abliefern müssen.

Schnell wurde an diesem Abend allerdings auch deutlich, dass Blogger neben den oftmals ja schon vorhandenen journalistischen Werkzeugen ebenso großen Bedarf an anderen Dingen haben, wie etwa: Beratung in Rechtsfragen, Netz-Wissen zu Technik und Reichweiten-Ausbau oder auch Erfahrungsaustausch über Finanzierungsmöglichkeiten und Geschäftsmodelle.

Haus Busch will das Blogger-Treffen fortsetzen. Schon bei der nächsten Zusammenkunft soll dann über die Gespräche und das Vernetzen hinaus auch praktischer Nutzwert angeboten werden.

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Die Macher des Blogs Fit für Journalismus haben den Bloggertag in Haus Busch per Storify und Storyteller zusammengefasst. Fotos von Frank Sonnenberg gibt's hier.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Adieu, altes Mädchen

Christian Lukas
Christian Lukas ist Freier Journalist und Autor, schreibt u.a. Kritiken, Sachbücher und Heftromane. In seinem Blog verfasste der Wittener vor einiger Zeit einen beeindruckenden und nachdenklichen Text über das Aus für seinen Lokalteil - und über die Wichtigkeit der lokalen Berichterstattung. Der unschöne Anlass: Die Ruhr Nachrichten machten die Redaktion für Bochum und Witten zum 31. Oktober 2014 dicht. Lesen Sie hier, mit seiner Erlaubnis, die Hommage von Christian Lukas an (s)eine Zeitung und die Medienvielfalt - proudly presented:

Von CHRISTIAN LUKAS

Mit der Schließung des Lokalteils der Ruhr Nachrichten endet nicht nur ein Stück publizistischer Lokalgeschichte. Es endete auch ein Stück weit Meinungsvielfalt. In Zukunft wird es nur noch eine Tageszeitung mit Lokalteil in Witten geben. Damit wird diese Zeitung de facto ein Monopolist: Das Tagesgeschehen - in der Hand eines einzigen Verlages. Worüber berichtet wird, was die Menschen interessiert... Diese Themen werden in Zukunft in einer Redaktion beschlossen. Gegensätzliche Meinungen, unterschiedliche Blickwinkel - werden der Vergangenheit angehören.

Bitte? Das Internet bietet eine Öffentlichkeit, die keine Zeitung bieten kann? Wozu brauchen wir klassische Redaktionen?
Ich bitte einmal anzuschauen, worüber populäre Blogs berichten. Krieg, Frieden, Mode, Feminismus, Bücher, Filme, Medienjournalismus, Demokratie, vegane Ernährung... Ob im Blog oder den sozialen Medien, thematisch geht es fast immer um das Große, das Ganze. Es geht um die großen Themen der Welt. Jene Themen, welche Öffentlichkeit generieren, die in Flensburg genau so verstanden werden wie in Stuttgart oder Passau.
Was aber ist mit der Schlaglochstraße in Witten-Bommerholz? Oder dem Kleingartenverein, der sich mit der Stadt streitet? Wer gibt diesen Menschen eine Öffentlichkeit, wer recherchiert Hintergründe, wer gibt dem Karree eine Stimme?

Die Zeitungen sind in der Krise. Sagen die Zeitungsverleger. Und sie verweisen auf die Abozahlen, auf die Einnahmen. Als kleines Licht in dieser großen Welt erlaube ich mir jedoch zu behaupten, dass diese Krise keinesfalls (alleine) eine Krise eines veränderten Konsumverhaltens der potenziellen Leserschaft darstellt. Die regionalen Verlage haben vielmehr in den letzten Jahren ihre Kernkompetenz vernachlässigt. Und diese Kernkompetenz - die liegt vor der eigenen Haustür, in den Straßen der eigenen Stadt, des Kreises, der Heimatregion. Statt massiv in diese Kernkompetenz zu investieren, wird überall gespart. Die Zahlen müssen stimmen. Und wo wird gespart? Auf der untersten Sprosse, der lokalen Redaktion. An der Kernkompetenz!

Die Welt vor der eigenen Haustür -

Karikaturen muss man einfach lieben

Man kann Karikaturen lieben, weil die gestrichelten Ideen der Künstler unter den Journalisten - besser als jeder Kommentar - ein Thema so entlarvend auf den Punkt bringen können, dass man manches versteht. Man kann Karikaturen auch wegen des treffenden Strichs mögen. Der Düsseldorfer Karikaturist Berndt A. Skott zum Beispiel kann Gesichter zeichnen wie kein zweiter. Der Putin, der Erdogan, der Papst - herrlich, oder?

Karikatur: Berndt A. Skott - proudly presented

Was Einfälle angeht, ist der Kölner Karikaturist Heiko Sakurai schwer zu übertreffen. Er machte kürzlich das gefühlte Abheben unserer Kanzlerin, die auch in Bundestags-Generaldebatten die Weltkrisen-Managerin gibt, zum Thema - klasse, oder?

Karikatur: Heiko Sakurai - proudly presented

Also ehrlich, ich bewundere Karikaturisten.


Freitag, 14. November 2014

Verleger des Jahres ... and the winners are ...

Lange habe ich überlegt, wer Verleger bzw. Verlagsmanager des Jahres werden soll. Lange führte auf meiner internen Strichliste der Thomas Ehlers von der Ostsee-Zeitung. Der hatte in der Tarifrunde erst mit verhandelt und die Gewerkschaften dabei erpresst nach dem Motto: Für den Norden muss es billiger werden, sonst pfeifen wir geschlossen auf die Tarifbindung. Als die Zugeständnisse im Sack waren - erklärte er: Der Norden macht trotzdem nicht mit, ätsch. Erst Streiks der Kolleginnen und Kollegen dort brachten die Verleger zum Einknicken. Trotzdem: Chapeau, Ehlers, Dein Zickzack-Amok-Kurs gereichte der ganzen Verlegerschaft und ihrem mühsam aufgebauten Ruf zur Zierde.

Aber solch wunderbare Hinterhältigkeit allein reicht nicht für den Pott. Auf meiner Rangliste gingen die Kölner Verleger Helmut Heinen und Alfred Neven DuMont deutlich in Führung. Der Präsident (!) und der Ehrenpräsident des Zeitungsverlegerverbandes (!) - honoriger geht's ja wohl nicht in der Branche - sind nicht nur mitten in den Verhandlungen aus der Tarifbindung ihres eigenen Verbandes ausgetreten. Was allein schon preiswürdig wäre! Der Knüller aber war: Die beiden bildeten eine tariflose Gemeinschaftsredaktion im Konkurrenzmarkt und wollten ihren Freien Journalisten abpressen, sich offiziell für Amateure zu erklären, für Hobby-Journalisten. Da die Vergütungsregeln nur für Profis gelten, könnten sie so die ungeliebte Honorar-Vereinbarung ungestraft unterlaufen, glaubten sie. Allerdings brachten die Gewerkschaften den schönen Plan per Gericht zu Fall. Trotzdem: Herrlich, Heinen, super, DuMont, das war Einfallsreichtum heutiger Verleger vom Feinsten.

Inzwischen aber steht mein Favorit für den Titel Verleger des Jahres fest. Genau genommen sind es sogar zwei: Eduard und Benedikt Hüffer aus dem Haus Aschendorff in Münster. Sie übernahmen nicht nur das Konkurrenzblatt Münstersche Zeitung und machen daraus ab morgen (15. November) ein kostengünstiges Zombie-Blatt - nach dem Motto: deren Personal zum großen Teil abbauen, die MZ weiter erscheinen lassen, und zwar mit lokalen Inhalten der eigenen Westfälischen Nachrichten, knapp 20.000 Abonnenten abgreifen. Ja, so geht Rettung der Medienvielfalt!

Was die Herren - einer davon ist IHK-Präsident - aber wirklich ganz nach vorne brachte, war das unverrückbare Vertrauen der eigenen Belegschaft bei den Westfälischen Nachrichten. Die Hüffers mussten nur ein Ausscheren aus dem Tarif sowie ein dickes Sparpaket ankündigen - und schon unterschrieben ihre Journalistinnen und Journalisten einen neuen Arbeitsvertrag mit Verzicht auf Geld und Freizeit. Natürlich ganz freiwillig und völlig ohne Angst, nur aus Gott... ähm Hüffer-Vertrauen.

Sicher, rechtlich ist der billigere Neuvertrag (inklusive dem Versprechen, vier Jahre lang nicht betriebsbedingt zu kündigen) wenig wert, weil ja zumindest für Gewerkschaftsmitglieder dort noch immer der Tarif gilt. Aber das Argument, sonst wird jetzt schon gekündigt, bis die Einsparung da ist, überzeugt natürlich. Das Angebot der Gewerkschaften, wenn's denn so schlimm um das Haus Aschendorff stünde, die Einsparungen per Haustarifvertrag rechtlich sauber umzusetzen, wiesen die Hüffers weit von sich: Gewerkschaften? Never ever. Die sollen uns nicht reinregieren. Da kündigen wir lieber.

Ein Ehrenpreis für die beste Nebenrolle als Verlagsmanager