Montag, 12. September 2016

Retten uns die Monster?

„Bücher sind besser dran als Journalisten“, stöhnte Karl. Häh? „Die haben als Kulturgut eine Preisbindung – selbst digital. Und wir? Unsere Tarife und Honorare zerbröseln.“ Da konnte der Stammtisch kaum widersprechen. „Wir sind halt machtlos“, mahnte Manfred. Das rieb er uns seit Jahren unter die Nase. Machtlos, machtlos! Ob die von ihm erkannte Sinnlosigkeit unseres gewerkschaftlichen Tuns der Grund dafür war, dass er noch nie mitgestreikt hatte?

„Zugegeben, der neue Abschluss ist dürftig“, meinte Christian, „aber immerhin haben wir immer noch einen Flächentarif.“ Jepp, dafür hatten wir schon viele Kröten geschluckt. Was uns ohnehin mehr in den Knochen steckte als der Kampf ums eigene Geld, waren so Sachen wie das anscheinend millionenfach umjubelte Ende von Pressefreiheit und Demokratie in der Türkei: „Versteht ihr das?“ Und vor allem Amok und Terror. Und wie Medien darüber berichtet hatten. Hektisch, zittrige Handyvideos in Endlosschleife, immer dieselben Experten zu Gerüchten und Vermutungen, stundenlang keine neuen Fakten – aber weitersenden.
Karikatur: Karlheinz Stannies


"Wird halt erwartet heute“, wischte Claudia Kritik weg. „Im Netz kursiert alles Mögliche live. Da muss man mitmachen.“ Frank hob den Finger: „Ja, aber ist das noch Journalismus? Müssen wir nicht abwarten, recherchieren, bewerten, jedes Bild und Wort abwägen?“ Claudia winkte ab: „Wenn Du zehn Stunden live vom Schützenfest berichten müsstest und Dich die Zuschauer ständig bedrängen, dann holst Du sogar den lokalen Tierarzt als Experten für den Holzvogel ans Mikro.“

Wir schmunzelten. Wie verändern die digitalen Zeiten den Journalismus? Kurz nach dem Pokémon-Start hatte Kai auf Twitter gewettet, dass bald jemand schreibt: Was Journalisten lernen können von Pokémon. Kam prompt, berichtete Kai. Und? „Keine Ahnung“, sagte er, „habe nicht weitergelesen, musste zur Oper.“ Jetzt waren wir platt: Oper? Kai? Der so viel Lust auf Feuilleton hatte wie Düsseldorfer auf Kölsch? Er wurde ein bisschen rot: „Ich bin da hin, weil … links vom Eingang war ein seltenes Pokémon.“

Wir grinsten. Anja prustete: „Wenn wir in die Einladungen zu Ortsvereinstreffen künftig etwas von Pokémon reinschreiben, sind die voll.“ Retten uns die digitalen Monster?


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P.S.: Diese Glosse stand, wie viele andere vor ihr, zunächst im Medien- und Mitgliedermagazin JOURNAL des DJV NRW. Künftig sollen Glosse und Karikatur der Letzten Seite nicht nur im gedruckten Heft erscheinen, sondern auch online - siehe die Ankündigung auf der Startseite hier und die Premiere hier. Es ist mir eine Ehre!




Donnerstag, 14. Juli 2016

Ein Verleger-Witz

Bin wieder da! Ein paar Monate lang hatte mich meine Gewerkschaft ziemlich in Beschlag genommen. War 'ne schöne Zeit. Jetzt ist wieder Lust und Gelegenheit da, diesen Blog zu füllen. Ich freue mich über alte und neue Leserinnen und Leser! Zum Einstieg gibt's natürlich eine Karikatur:



Karikatur: Karlheinz Stannies


Die Gehaltstarifrunde für Tageszeitungen ist gerade zu Ende gegangen (die Gewerkschaften müssen noch zustimmen). Das Ergebnis ist nicht berauschend. Immerhin wurden die Freien (12a) nicht abgehängt und der Flächentarif weitgehend "gerettet" - nachdem wieder einige Verleger-Landesverbände mit Nicht-Übernahme erpresst ähm gedroht hatten.



Mittwoch, 13. Januar 2016

Was haben die Gewerkschaften je für uns getan?

Eine Frage, die sich jeder ruhig stellen sollte. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat vor einigen Jahren mal einen schönen Spot ins Netz gestellt:



Gewerkschaften. Die Arbeitgeber mögen sie nicht sehr. Dabei könnten sie ihnen bei vielen Problemlösungen, gerade in Zeiten des unvermeidlichen Wandels, helfen. Auch viele Arbeitnehmer fragen sich inzwischen leider, wofür sie Gewerkschaften brauchen. Und verzichten darauf, sich zu organisieren. Werden zu Einzelkämpfern. Mit Ellenbogen. Solidarität? Zwar nicht unbedingt ein Fremdwort, aber konkret gelebt meist nur noch beim Klicken für Online-Petitionen im Netz. Vom Sofa aus. Oder sehe ich da zu schwarz?

Samstag, 2. Januar 2016

Zu teuer, zu teuer

Die Medien-Manager und ihr durch Schließungen und Zusammenlegungen entstandener Einheitsbrei. Forderungen der Journalistinnen und Journalisten sowie die Redaktionen insgesamt sind ihnen natürlich "zu teuer, zu teuer". Immerhin geht es um "Kosten sparen" und "mehr Rendite". (Mein kurzes Video entstand während einer Aktion beim Gewerkschaftstag des DJV NRW 2014 in Essen.) Kleine Einstimmung auf die bevorstehenden Gehaltstarifverhandlungen für 13000 Zeitungsleute...





Freitag, 1. Januar 2016

Frohes Neues Jahr!


Endlich vorbei... Karikatur: Heiko Sakurai
Selbst die Kanzlerin kippte sich (wenn Karikaturist Heiko Sakurai, proudly presented, Recht hat) zum Jahreswechsel gehörig eins hinter die Binde: "Endlich vorbei!"

Wofür stand 2015 für uns Journalisten? Wieder einmal für Morde und Entführungen weltweit, es stand aber auch für Lügenpresse und schwindende Wertschätzung, erneut für Jobverluste und Redaktionsschließungen, für Zusammenlegungen von Redaktionen oder gleich Fusionen, für weitere rechtliche und soziale Attacken auf Freie Journalistinnen und Journalisten und unsägliche Honorare, für den Ausstieg aus Tarif und Sozialpartnerschaft.

Karikatur: Karlheinz Stannies
Billig und willig und zu allem bereit sollen sie sein, so wünschen sich die Medien-Arbeitgeber ihre Leute. Qualität spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Wenn die Billigen sie mitbringen, okay. Wenn nicht, egal. Im neuen Jahr wird sich wohl an der Einstellung der Manager (Verleger gibt's ja kaum noch) nicht viel ändern. Rendite vor Redaktion. Bei den Zeitungen steht eine Gehaltstarifrunde an - und die Verleger haben bereits lässig abgewunken: Eure Forderungen (der DJV sagt: 4,5 Prozent mehr Gehalt für Feste und Honorar für Freie) sind viel zu hoch., wir müssen eher beim Tarif noch um- und abbauen. Siehe hier und hier.

Wollen wir uns - nach einem Jahrzehnt des Personal- und Sozial-Abbaus, des Drauflegens trotz Mehrbelastungen in dezimierten Redaktionen - weiterhin mit den üblichen Manager-Floskeln abspeisen lassen? Nachprüfbare Zahlen nennen die Häuser ja selten. Haben wir nicht schon genug damit zu tun, die Umbrüche und Herausforderungen der digitalen Revolution zu bewältigen - und zukunftsfähig zu werden/bleiben? Wir kriegen das hin - und sind unser Geld (und demnächst entsprechend mehr) wert. Ich wünsche uns allen ein Frohes Neues Jahr. Bleibt gesund und kämpferisch.



Donnerstag, 31. Dezember 2015

Kannze Dir schenken

Karikatur: Karlheinz Stannies

Beim Terror in Paris hatten wir wieder diese unsägliche Gerüchte-Stampede im Medienland beobachtet: „Einige setzten noch ihre forschen Eilmeldungen ab, als andere diese schon längst wieder dementierten,“ stöhnte Michael quer über den Stammtisch. „Hauptsache, irgendwas raushauen. Vor allem im Netz. Die Leute wollen das. Angeblich.“

Natürlich gibt es diese Echtzeit-Ansprüche, im Netz der Millionen Bürgerjournalisten und Meinungsmacher. Aber immerhin gab es auch auffallend viel Lob für diejenigen, die erst dann was brachten, wenn es halbwegs abgeklärt war. „Das lässt hoffen“, sagte Jens. „Journalismus mit Ruhe, Besonnenheit und Qualität – das ist doch der Markenkern, den es in die Zukunft zu retten gilt."

Trotzdem: die Erwartungen an Journalisten haben sich total geändert, stellte Stefan fest: „Täglich werden neue technische Möglichkeiten bejubelt. In ihrer digitalen Euphorie haben die Freunde des nächsten Heißen Scheißes ja keinen Superlativ ausgelassen.“ Stimmt, nickte Tanja, „manche steigern sich jetzt schon in den Ejakulativ.“

Wir lachten noch, als sich Birgit meldete: „Ich habe zu Weihnachten auch dieses Jahr wieder das uralte Standardwerk verschenkt: Print stirbt“. Natürlich in gedruckter Form. Sie war schon immer eine kleine Anarchistin.

Man muss digital mitmischen, sagte Rolf. „Ich habe mir zu Weihnachten alle möglichen Apps, Programme und Hilfsmittel besorgt, die man als Journalist angeblich so braucht – zum Überleben. Und gleich ausprobiert .“ Puh, wir atmeten durch: „Und was sagte die Familie dazu?“ Naja, gab Rolf zu, für die blieb wenig Zeit zum Fest: „Aber Opa war begeistert: Ich habe das Gänseessen zu Opa ins Altenheim übertragen, live per Periscope.“

Karsten, der merkwürdig ruhig geblieben war, räusperte sich: „Unsere Chefs schenken uns zu Neujahr einen Newsdesk – und dadurch viel mehr Zeit für Recherche und Qualität.“ Wir erkannten sofort Manager-Sprech und schauten ihn voller Mitleid an: „Kostet wie viele Arbeitsplätze?“ Ungefähr die Hälfte, flüsterte er. Es gibt Geschenke, die kann man sich schenken.

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Womöglich unmöglich - irren ist journalistisch

Journalisten, vor allem auch Lokaljournalisten, haben einen schweren Stand, werden mehr denn je angefeindet. Hardy Prothmann vom RheinNeckarBlog, der sich gern als "Zukunft des Lokaljournalismus" feiern ließ und über die angeblich mangelnde Qualität der ("Bratwurst"-) Berichterstattung anderer Medien aufregt, kann ein Lied davon singen. Vor ein paar Wochen fand er an der Windschutzscheibe seines Wagens einen Zettel.


...sie sterben womöglich


Das stand - mit Hinweis auf sein Journalisten-Dasein - darauf, berichtete Hardy Prothmann brühwarm in seinem Blog. Lesen Sie hier alles über die "Todesbotschaft" und den "Terror" der "Dumpfbacke" bzw. des "durchgeknallten Volldepp, vermutlich eine arme Wurst". Und warum sowas natürlich den Journalismus bedroht. Darüber habe er auch seine Mitarbeiter informiert, wegen der Verantwortung, die so ein bedrohter Chef hat. Er tat mir Leid, der vielfach angegriffene Kollege Prothmann, der - bei aller ihm immer wieder sicher nicht zu Unrecht vorgeworfenen Arroganz - stets versucht, sauber zu recherchieren und transparent zu informieren. Also erfüllt es mich jetzt nicht mit allzu viel Schadenfreude, was einen Monat später geschah. Die Polizei bat ihn nämlich zu sich und zeigte ihm die Todesdrohung auf dem Zettel, den er mit der Anzeige abgegeben hatte, in Vergrößerung. Und siehe da, da stand in Wirklich- und Deutlichkeit:


...auch wenn Sie Journalist sind, sie stehen unmöglich


Der Angriff auf die Pressefreiheit und den unabhängigen Journalisten entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als (anscheinend  etwas krakeliger) Hinweis auf falsches Parken. Was lernt man daraus? Höchstens: Zweimal lesen, bevor man sich aufregt und wortgewaltig schreibt. Hardy Prothmann, der öfter auch mal Kolleginnen und Kollegen gleich als "Schande für den Journalismus" abkanzelt (aktuell eine taz-Kollegin, siehe hier), hat die mögliche Peinlichkeit allerdings nicht verschwiegen, sondern transparent berichtet: Hut ab! Überzeugen Sie es hier davon.



Mittwoch, 11. November 2015

Helmut Schmidt, Rest & Smoke in Peace - Karikaturen

Helmut Schmidt ist gestorben. Mit 96. An seinem Zigarettenkonsum kam kaum ein Karikaturist vorbei. Auch nicht Thomas Plaßmann (dessen Zeichnung ich bei Twitter fand), Heiko Sakurai und Berndt A. Skott - proudly presented:
Aufwärts
Karikatur: Thomas Plaßmann

Erwartet
Karikatur: Heiko Sakurai

Abwarten
Karikatur: Berndt A. Skott