Donnerstag, 26. April 2018

Beeindruckend: Das Manifest der Jungen

Die Streiks gehen weiter. Foto: Karlheinz Stannies
Das weiß doch jede Omma, die Vier gehört vors Komma! Trotz solcher Gesänge und Menschenketten, trotz Demos mit Musik und kreativer Aktionen: Die Tarifrunde bei den Tageszeitungen zieht sich, die Medienmanager legten erneut einfach kein annehmbares Angebot vor. Volkmar Kah vom DJV-Landesverband NRW wirft den Verlegern mangelnde Wertschätzung vor - und warnt sie vor den Zukunftsfolgen. Die Verhandlungen wurden erstmal unterbrochen, die Warnstreiks in mehreren Bundesländern verlängert, hier in NRW um vier Tage, also zunächst bis Sonntag, siehe hier.


Klar ist, es geht nicht nur ums Geld. Es geht um viel mehr: um die Zukunft des Berufs, um Chancen für den Nachwuchs. Dies versuchten während der Verhandlungsrunde am Mittwoch einige junge Kolleginnen und Kollegen, den Verleger-Vertretern hautnah deutlich zu machen. Sie sagten ihnen mal, wie es wirklich aussieht in der Branche und den Läden, die sie repräsentieren. Ich dokumentiere hier sehr gerne das beeindruckende "Manifest", das der DJV in einer Tarifinfo verbreitete.

Manifest der Jungen


Sehr geehrte Damen und Herren, werte Verlegerinnen und Verleger,

vielen Dank, dass wir heute die Gelegenheit haben, persönlich mit Ihnen zu sprechen. Wir sind hier als Delegation von jungen Journalistinnen und Journalisten aus Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Wir sind hier, um Ihnen zu verdeutlichen, warum wir überproportional mehr Gehalt im neuen Gehaltstarifvertrag fordern.

Seit wir die ersten Praktika im Journalismus gemacht haben, wurden wir vor unserem Job gewarnt. „Die Zukunft ist ungewiss“, hieß es immer, oder „Davon kann man als junger Mensch kaum leben.“ Uns wurde schon immer klargemacht, dass es extrem schwer sein wird, im Journalismus einen Job zu finden, der finanzielle Sicherheit und eine Perspektive fürs Leben bietet.

Wir sind trotzdem hier: Wir sind Journalistinnen und Journalisten geworden. Was wir heute machen, ist viel mehr als Zeitung. Wir schreiben Artikel, bauen Online-Grafiken und Multimediareportagen oder machen Live-Blogs. Wir schreiben Sonderbeilagen und Themenserien. Oder wir drehen Videos und machen Podcasts.

Und das sicher nicht, weil wir reich werden wollen. Denn der Weg in den Journalismus war hart. Als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wir mit Zeilensätzen von 10 Cent angefangen. Neben dem Studium haben wir viele unbezahlte Praktika gemacht und dann im Volontariat trotzdem nochmal zwei Jahre lang im Schnitt von 1500 Euro netto gelebt – und das bei stetig steigenden Lebenshaltungskosten. Trotz dieser langen Ausbildung sind viele Einstiegsstellen befristet.

Wir machen Überstunden, Spät- und Wochenenddienste und schicken Artikel mal eben von unterwegs rein. Wir feilen in unserer Freizeit an Konzeptideen und Kamera-Skills und gehen am Wochenende auf Weiterbildungsseminare. Die Anforderungen steigen, die Gehälter nicht. Wir sind in den Journalismus gegangen, weil wir an ihn glauben und dafür arbeiten wollen, dass er eine Zukunft hat. Man könnte sagen, es ist Leidenschaft.

Nur: Irgendwann reicht auch die größte Leidenschaft nicht mehr aus. Wenn wir keine Jobsicherheit haben, wenn wir keine Freiräume für eigene Ideen bekommen, wenn wir von Sparrunden bedroht sind und vor allem: Wenn unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird, auch in Form von Geld, dann gehen wir.

Bei jeder Umstrukturierung heißt es, dass die Zeitung digitaler werden und junge Menschen für sich gewinnen muss. Gleichzeitig wird der Beruf des Journalisten immer unattraktiver. Doch gerade wir als Digital Natives werden gebraucht.

Viele Leistungen haben Sie uns nach 2014 gekürzt. Wir haben nur noch 30 statt 34 Urlaubstage. Wir bekommen weniger Jahresleistung und weniger Urlaubsgeld. Die letzten drei Berufsjahresstaffeln sind für uns weggefallen, der Übergang in die nächsthöhere dauert vier Jahre statt drei Jahre. Vor allem Online-Redaktionen werden ausgegliedert, um den Tarifvertrag zu umgehen. Diese überwiegend jungen Kolleginnen und Kollegen sind noch deutlich schlechter gestellt. Stellen Sie sich so die digitale Zukunft der Zeitung vor?

Sie wollen gut ausgebildeten Nachwuchs, der rund um die Uhr alle Kanäle bespielt und legen uns dafür ein Angebot vor, mit dem wir jedes Jahr real Geld verlieren. Ein Angebot, das nicht mal über der Inflationsrate von 1,8 Prozent liegt. Seit dem Jahr 2000 gab es für uns Journalisten keinen Einkommenszuwachs, der oberhalb der Inflationsrate lag. Deshalb ist ihr aktuelles Angebot keine Basis, auf der wir die Zukunft des Journalismus verhandeln wollen. Wer an Journalisten spart, spart am Leser.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben Alternativen. Wir kennen viele gute Journalistinnen und Journalisten, die nach zwei, drei Jahren in die Pressestellen von Audi, Lidl, Bosch und Co. gewechselt sind. Bei jungen Online-Portalen, den öffentlich-rechtlichen Sendern und in der Privatwirtschaft suchen sie Leute wie uns. Weil wir mit Daten jonglieren und Videoschnitt beherrschen, uns auf den sozialen Plattformen bewegen und gerne neue Formate ausprobieren. Wir sind der Meinung, wer investiert, aufbaut und ausprobiert, bekommt nicht nur guten und motivierten Nachwuchs, sondern schlägt auch neue und lukrativere unternehmerische Wege ein. Die meisten Unternehmen haben das erkannt und stellen sich darauf ein.

Wir sind die Generation Erasmus, die sich nicht mehr zwangsläufig an Orte oder Unternehmen bindet, sondern geht, wenn die Wertschätzung fehlt. Für Sie, liebe Verlegerinnen und Verleger, ist das ein Problem: Gehen die jungen Leute, gehen auch die jungen Themen. Natürlich brauchen Sie Redakteurinnen und Redakteure mit jahrelanger Erfahrung, mit tollem Fachwissen, mit edlen Federn. Aber es sind die jungen Themen, mit denen Sie junge Menschen im Netz und in den Printausgaben ansprechen wollen. Und es sind wir, deren Fähigkeiten Sie für junge Themen, das digitale Jetzt und die Zukunft brauchen. Wenn Sie jetzt kein Geld in uns investieren, erzeugen Sie Ihren eigenen Fachkräftemangel!

Wir fordern keine Gehälter wie bei Bosch oder dem SWR. Wir fordern: Bemühen Sie sich um uns! Und dazu gehört vor allem auch die Bezahlung. Zum Vergleich: Für Pressesprecher und Pressesprecherinnen beginnen branchenübliche Gehälter bei etwa 44.000 Euro Brutto-Jahresgehalt. Üblich ist deutlich mehr. Bundesweit tätige Konzerne zahlen einem Pressesprecher 85.000 Euro im Jahr. Der Ausbildungsweg ist der gleiche. Viele von unseren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sind deshalb dorthin abgewandert.

Chefredakteure und Ausbilder merken, dass die Zahl der guten Bewerbungen für Volontariate und Journalistenschulen zurückgegangen ist. „Es ist nicht mehr so leicht, guten Nachwuchs zu finden“, sagte einer unserer Chefredakteure kürzlich. Trotzdem: Wir möchten in diesem Beruf bleiben, und wir möchten gerne bei einer Tageszeitung bleiben. Wir glauben an diesen Journalismus und wir denken, dass gerade mit regionalem digitalen Zeitungsjournalismus gutes Geld verdient werden kann.

Als Verleger haben Sie einen gesellschaftspolitischen Auftrag. In Zeiten, in denen der Journalismus angegriffen wird, Stichwort Lügenpresse, brauchen Sie gut ausgebildeten Nachwuchs, der das Vertrauen der Leserinnen und Leser zurückgewinnt. Wir haben den Eindruck, es geht nur noch ums Sparen, statt um Visionen. Um Effizienz, statt um Qualität. Investieren Sie Geld in uns und unsere Arbeit. Sie wissen, dass wir Ihre Zukunft sind. Lassen Sie uns das spüren, durch Wertschätzung und eine deutliche Gehaltssteigerung. Nur so bleibt der Job attraktiv für top ausgebildete Nachwuchsjournalisten. Zeitung wird von Menschen gemacht. Sie wollen keine unkritischen Content-Lieferanten, oder?

Nehmen Sie unseren Idealismus nicht für selbstverständlich. Denn wir werden das sinkende Schiff im Notfall verlassen. Versuchen Sie nicht länger, den Journalismus kaputtzusparen. Sonst müssen Sie bald alleine an Ihrer Zukunft schrauben.

Donnerstag, 12. April 2018

Sieht der Presse ähnlich

Martin schluchzte leise, der Stammtisch nahm den öffentlich-rechtlichen Kollegen reihum in den Arm. Oooch, was ist denn? „Politiker, Wutbürger, alle trampeln auf uns herum“, flüsterte er. „Und jetzt wollen die Verleger schon wieder gegen uns klagen.“ Wir stutzten. Weswegen denn diesmal? „Die Verleger behaupten, dass der WDR der Presse zu ähnlich wird“, sagte Martin. Kalter Kaffee, wissen wir doch, der WDR hatte gerade erst vorauseilend den Internet-Auftritt freiwillig entschärft. „Es geht aber diesmal nicht um Texte oder so“, stöhnte Martin.

Er brachte uns auf die Spur: Was machen Verleger denn so? Wir sprudelten hervor: Redaktionen schließen, Jobs streichen, Tarife ignorieren, Freien nur Dumpinghonorare zahlen. „Seht ihr“, sagte Martin. „Und den Verlegern ist aufgefallen, dass der WDR auf dem besten Weg ist, so wie sie zu werden.“

Plötzlich wussten wir, was er meinte: Wollen die beim WDR nicht gerade... Ja, wollen die. Kürzen die nicht gerade... Ja, kürzen sie. Hauen die nicht gerade einen Keil zwischen... Ja, hauen die. Sind die nicht gerade dabei... Ja, sind die. „Jetzt verstehe ich auch, warum die Verleger die Öffentlich-Rechtlichen so leidenschaftlich bekämpfen“, schlug sich Heike an den Kopf. „Die Medien-Manager wollen sich ihr exklusives Gutsherren-Geschäftsmodell nicht abkupfern lassen.“

Und ein anderes Monopol auch nicht. „Der Lensing-Wolff knöpft sich gerade das Online-Angebot der Stadt Dortmund vor. Da seien Sachen drin, die nur in die Presse gehören.“ Steuerfinanzierte Konkurrenz – das geht ja gar nicht. Sagte uns der kühle Kopf, im Namen der Pressefreiheit. Private müssen geschützt werden. „Egal wie dünn ihre Angebote inzwischen auch sind“, flüsterte der freche Bauch. In Dortmund hatten die Verleger ja schon vor Jahren selbst für Ein- statt Vielfalt gesorgt: Zeitung dichtgemacht, Lokalteile zusammengelegt, letzte Zentralredaktion geschlossen.

„Jetzt schießt Euch doch nicht immer so auf die armen Medienhäuser ein“, mahnte die mitfühlende Miriam. „Die haben es echt schwer. Und sie investieren doch auch.“ Stimmt. Madsack zum Beispiel plant gerade eine bundesweite Online-Zentralredaktion – mit 70 Leuten. Hans entfuhr: „Okay, die ziehen die meisten aus den Regionalblättern ab.“ Aber das Handelsblatt sucht gerade 105 neue Leute. Kerstin zuckte: „Und wie viele davon sind Journalisten?“

Miriam platzte der Kragen: „Macht es eigentlich Spaß, immer zwanghaft kritische Fragen zu stellen?“ Wir nickten. Ist unser Job.


Freitag, 6. April 2018

In einer gerechten Welt ... wären Streiks unnötig

Tarifrunden: Same procedure...
Kariktur: Karlheinz Stannies
Es ist eine Schande! Am Montag (9. April) müssen Journalistinnen und Journalisten von Zeitungen schon wieder streiken. Mehr als ein Dutzend Redaktionen, auch im Ruhrgebiet, sind in NRW dazu aufgerufen, nicht zur Arbeit zu gehen. „Die Arbeitgeber sind bislang ein verhandlungsfähiges Angebot schuldig geblieben. Stattdessen wollen sie mit uns über Steuersparmodelle durch Gehaltsumwandlungen reden", schreibt der Landesverband NRW des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), siehe hier, nur um deutlich abzuwinken: "Wir wollen erst mal mehr Geld auf dem Konto sehen!“

In einer gerechteren Welt wären solche Streiks nicht notwenig. Und auch nicht die berechtigten Klagen der gebeutelten Freien. Verleger würden ihre Inhalte-Lieferanten wertschätzen - und nicht ausbeuten. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. „In den letzten Jahren sind die Gehaltssteigerungen hinter der Inflationsrate und der allgemeinen Einkommensentwicklung zurück geblieben – so gewinnt man keine klugen Köpfe für den Beruf, und so motiviert man auch nicht seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Frank Stach, der Vorsitzende des DJV NRW.

In einer gerechteren Welt...
Karikatur: Karlheinz Stannies
Nicht nur Stach sorgt sich inzwischen um die Anziehungskraft (und damit die Zukunftsfähigkeit) der Branche. Im Editorial des Medienmagazins JOURNAL schreibt er: "Die Medienbranche tut eher alles, um den Nachwuchs abzuschrecken." Verlagsmanager würden zwar Studium und Volontariat und langjährige Mitarbeit verlangen, junge Kolleginnen und Kollegen dann aber vorzugsweise mit Billiglohn in tariflose Tochtergesellschaften abschieben. Auch das dauernde Honorardumping bei den Freien trage dazu bei, dass sich eine ganze Branche ins Abseits manövriert.

Übrigens: Gerade ist das Medienhaus Bauer vom OLG Hamm dazu verdonnert worden, einem Freien für die Jahre 2009 bis 2012 insgesamt 66.000 Euro Honorar nachzuzahlen, siehe hier. Weil Bauer sich nicht an die zwischen Zeitungsverlegern und Gewerkschaften vereinbarten Vergütungsregeln gehalten hat. Gerechtigkeit dauert manchmal. Aber wenn Betroffene mitziehen, hilft der DJV zuverlässig.

Zurück zur Tarifrunde für die 13.000 Redakteurinnen und Redakteure sowie die festen Freien an Tageszeitungen: Der DJV fordert 4,5 Prozent mehr Einkommen sowie mindestens 200 Euro mehr für junge Journalist(inn)en bei einer Laufzeit des neuen Tarifvertrags von 12 Monaten. Und was haben die Verleger bisher angeboten? Insgesamt 2,6 Prozent mehr verteilt auf 30 Monate (entspricht gut 1 Prozent pro Jahr). Und eine drollige Entgeltumwandlung zur Steuerersparnis (wie seit 2002 möglich für eine zusätzliche Altersversorgung). Nach ihrer Vorstellung soll der DJV einer Öffnungsklausel zustimmen, damit ein Redakteur oder eine Redakteurin per Gehaltsumwandlung in einen Leasingvertrag für ein Fahrrad (!) einsteigen kann.

Wie die Verleger gerade auf ein Fahrrad kommen? Keine Ahnung. Okay, "Radfahrer" gibt's in unserer Branche sicher auch ein paar. Sonst würden ja noch mehr streiken...


Freitag, 30. März 2018

Alternative Sichtweisen

"Wieder etwas weniger Kostenlos-Mentalität im Internet“, witzelte Nina. Der Stammtisch schmunzelte. Es ging um die HuffPost. Die hatte ihre Plattform ja lange für lau mit Inhalten gefüllt, Honorar gab es nicht. Das war nicht nur – „unfair“, warf Andrea ein – trickreich billig. Das sollte auch so richtig netz-visionär sein. Weil ja jede(r) was schreiben durfte. Nur: Immer mehr Quatsch und Fake News nutzen die große Freiheit. „Die HuffPost in den USA zieht nun die Reißleine“, sagte Paul. „Künftig sind nur noch bezahlte Redakteure für Inhalte und Freigabe zuständig.“

Journalist(inn)en sind Faktbusters
Karikatur: Karlheinz Stannies
Fanden wir als Profis gut. Journalismus ist ein Gegenmittel, Fake News sind Gift für die Demokratie. „Nicht zu verwechseln mit unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen“, meinte Inga, „die sind ganz normal.“ Katrin hatte gleich ein Beispiel zur Hand: „Die Funke-Chefin hat über den scheidenden Manager gesagt, er hätte einen großartigen Job gemacht.“ Wir fassten uns an den Kopf. „Aus Sicht der einsackenden Besitzerin mag das stimmen“, maulte Fabian.

Roswitha grübelte: „Ich frage mich manchmal: Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie nicht behütet in Verlegerkreisen aufgewachsen, sondern vielleicht gekündigte Redakteurin der Westfälischen Rundschau gewesen wäre.“ Aus Mitarbeiter-Sicht fiel die Bilanz nämlich anders aus. „Der hat zumindest auch ein Trümmerfeld bei Vielfalt und Jobs, aus Zombie-Zeitungen und dicht gemachten Redaktionen hinterlassen. Gregor fand: „Es kommt wohl immer darauf an, auf welcher Seite man steht.“

„Jepp“, sagte Heide, „unsere Ober-Bosse machen gerade solche Erfahrungen. Die haben reihenweise Nervenzusammenbrüche.“ Echt? „Das begann, nachdem das Medienhaus aus Kostengründen einen Manager-Desk eingeführt hatte“, berichtete sie. „Alle Geschäftsführer und Abteilungsleiter hockten nun im selben Raum so schön kommunikativ aufeinander, dass gleich eine Menge ihrer Stellen gestrichen werden konnte.“ Wir nickten. Desks sind gut für Personalabbau.

„Das hielten die feinen Herrschaften nicht lange durch“, schmunzelte Heide. „Unter ihrer Würde“, schnaubte Horst.“ Nein, sie taten uns nicht Leid. Aber Inge blieb, wie immer, skeptisch: „Ich glaube Dir nicht, Heike. Manager würden sich nie alle in ein Büro einpferchen lassen.“ Heike war ertappt, spann ihre Story aber unbeirrt weiter: „Jetzt denkt der Manager-Desk über alternative Einsparungen nach. Bei uns, natürlich.“ Das Gefährliche an Fake News ist wohl, dass ein Teil immer so vertraut klingt.

Dienstag, 16. Januar 2018

"Da waren Menschen betroffen. Das ist zynisch"

Noch immer trauern viele Westfalen ihrer guten alten Rundschau nach.
Karikatur: Karlheinz Stannies
Ein Mann geht in den Ruhestand und blickt zurück auf seine Chef-Karriere. Der Laden hätte sich bestens entwickelt, urteilt er. Und, ach ja, merkt er noch lapidar an, natürlich hätte er wohl auch ein paar Fehler gemacht. Hört sich so an wie: machen wir doch alle, Schwamm drüber. „Das klingt so, als hätte Manfred Braun aus Versehen mal zu viel Kopierpapier bestellt. Dabei hat er gut 300 Existenzen vernichtet. Das ist zynisch“, so kommentiert der DJV-NRW-Landesvorsitzende Frank Stach die Abschieds-E-Mail, die der scheidende Funke-Geschäftsführer Manfred Braun an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerichtet hat. Dokumentiert ist die Mail auf der Seite medienmoral-nrw.de, http://bit.ly/2Dh8UF2.
 
Er habe einen "großartigen Job" gemacht, lobte Julia Becker, Chefin der Funke-Mediengruppe, ihren Spitzenmann. Viele (Ex- und Noch-) Mitarbeiter, Betriebsräte, Gewerkschafter und Medienexperten sehen das ganz anders. Braun selbst schrieb:
„Natürlich habe ich Fehler gemacht. So bin ich heute zum Beispiel der Ansicht, dass wir mit der Westfälischen Rundschau anders hätten umgehen sollen, als wir es getan haben. Und hätten wir nicht auch für den Dortmunder Markt andere Lösungen finden können?“
Sie erinnern sich? Vor fünf Jahren hat die damalige WAZ-Gruppe (heute Funke) Knall auf Fall sämtliche Redaktionen der Westfälischen Rundschau (WR) geschlossen. 120 angestellte Redakteurinnen und Redakteure sowie rund 180 freie Journalistinnen und Journalisten verloren mit nur zwei Wochen Vorlauf ihre Jobs bzw. Auftragsgeber. Statt ihrer füllte der Konkurrent Ruhr-Nachrichten die Lokalseiten. Die Traditionszeitung wurde zum seelenlosen Zombie, die Meinungs- und Medienvielfalt im Ruhrgebiet brutal getroffen.


Lokalteil von einem, Hauptteil von einem anderen
Verlag, Zentral-Pools für viele Medienhäuser -
die Zeitungslandschaft wird zum Einheitsbrei.
Karikatur: Karlheinz Stannies
Der DJV-NRW verbindet mit dem Namen Braun vor allen Dingen Konzentrationsprozesse im Tageszeitungsbereich, sowohl auf lokaler als auch auf überregionaler Ebene. Auf die Schließung von Lokalredaktionen und die Zusammenarbeit mit Konkurrenztiteln kann man nicht stolz zu sein. Und sich Gedanken um den „Dortmunder Markt“ zu machen, aber m
it keinem Wort zu erwähnen, dass Menschen betroffen waren, von denen einige bis heute keine vergleichbare Anstellung gefunden haben, ist ebenfalls zynisch“, meint Stach. Außerdem habe Braun aus seinen eingestandenen Fehlern nichts gelernt: Noch vor kurzem hat die Funke-Mediengruppe den Fotopool kurzerhand aufgelöst, den 24 Beschäftigten des Fotopools wurde gekündigt. Der DJV: "Elf wurde angeboten, in die neu gegründete Funke Foto Services GmbH zu schlechteren Konditionen zu wechseln. Die übrigen Fotografen mussten sich in Konkurrenz zu Bewerbungen von außen um die restlichen vier Stellen neu bewerben. Neun Beschäftigte haben ihre Jobs verloren."
 
Stach appelliert an den Funke-Mediengruppe, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Zukunft menschlicher umzugehen:. Man hoffe, dass der oder die neue Geschäftsführer/in für die Zeitungstitel "den Wert der Zusammenarbeit" wirklich erkenne und umsetzt – "und nicht nur in einer Betreffzeile nennt, wie Braun das in seiner Abschieds-E-Mail getan hat."

 

Unwort des Jahres

Karikatur, proudly presented: Berndt A. Skott.

Mensch, was habe ich damals vor dem Fernseher gelacht! Als die blonde Sprecherin des Weißen Hauses beim Versuch, ihren später gefeuerten Kollegen Sean Spicer gegen Lügen-Vorwürfe in Schutz zu nehmen, eine Sprach-Schöpfung vornahm: "Alternative Fakten" habe er genannt. Nach dem Motto aller Populisten dieser Welt: Hauptsache wir nennen es Fakten, egal ob sie stimmen - und was richtig ist, bestimmen sowieso wir. Natürlich lügen immer nur die anderen.

Jetzt wurde "Alternative Fakten" zum Unwort des Jahres 2017 gewählt. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) begrüßte das. Bundesvorsitzender Frank Überall betonte: "Es gibt keine Alternativen Fakten. Dieser Unwort-Begriff ist bloß die Umschreibung für Falschauskünfte. Gegen Alternative Fakten hilft nur unabhängiger Journalismus".

Der DJV warnte, je mehr bei Repräsentanten des Staates - bisher von Journalistinnen und Journalisten immer noch oft als "priviligierte Quellen" gesehen - der Populismus Einzug halte, umso mehr werde dieser Vertrauensvorschuss verspielt.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Wenn nicht wir, wer dann?

Der Stammtisch lachte sich schlapp. „Die Gesichter dieser Manager hätte ich gern gesehen“, gluckste Hansi. In Köln kämpft eine zusammengelegte Redaktion um die Rückkehr in den Tarif für alle – und rechnete den Arbeitgebern knallhart vor: Sie können sich Tarif locker leistenWenn sie nur wollten. Manni gackerte: „Die dramatische Minus-Kurve war gar nicht ihr Geschäftsverlauf. Das waren ihre Personalkosten nach der Fusion.“ Patrick prustete: „Oder ihre Glaubwürdigkeitslinie.“ Wir stießen auf die Kölner Kollegen an, die gerade wieder im Streik sind, siehe hier. Die kämpfen irgendwie für uns alle. Vor allem für den Nachwuchs.

Luzie wischte den Schaum ab: „Schlimm ist, dass Medienmanager uns nicht mehr als Menschen sehen. Sondern als Kostenstelle, als Belastung, als Rendite-Gefahr, als Problem.“ Ja, das war mal anders. Senta meinte: „Wenn wir uns und unsere Jobs retten wollen, dann müssen wir wohl selbst was tun. Wenn nicht wir, wer dann?“

Betriebsräte sind die Schrecken vieler Medienmanager - vor allem der
dummen und kurzsichtigen... Karikatur: Karlheinz Stannies
Leicht gesagt. Paul stöhnte: „Jetzt fordern viele Arbeitgeber tatsächlich noch mehr Flexibilität, bei der Arbeitszeit.“ Kopfschütteln. Wir arbeiten bei Bedarf rund um die Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen. „Und hat es uns was gebracht?“ fragte Katrin theatralisch. Barbara schnaubte: „Mir brachte es 42 Tage Urlaub und 36 Überstunden-Tage. Die schiebe ich inzwischen vor mir her.“

Noch schlimmer als tariflos


Klarer Fall für den Betriebsrat“, haute Julian auf den Tisch. Betriebsrat? „Ja natürlich,“ sagte er. Und erzählte von Redaktionen mit funktionierender Arbeitszeiterfassung. Die malochen dadurch viel entspannter. Wir staunten. „Und warum hat unser Betriebsrat so etwas nicht durchgesetzt?“, fragte Paul. „Vielleicht, weil ihr ihn nicht unterstützt?“ Paul dachte nach. Könnte sein.

Julian warb weiter: „Im März sind in Medienhäusern Betriebsratswahlen. Da kommt es auf jeden von uns an. Denn ohne Betriebsrat – das ist noch schlimmer als tariflos. Da gehen viele wichtige Rechte verloren.“ Nicht nur beim Personalabbau. Betriebsräte haben Anspruch auf Infos darüber, was so geplant ist, können anregen und oft mitentscheiden. Er guckte jedem reihum tief in die Augen: „Und sie können speziell Dein Problem zeitnah lösen. Von Urlaub bis Rückenstuhl. Das ist Demokratie vom Feinsten. Im Betrieb.“ Wir bestellten voller Überzeugung noch eine Runde.