Montag, 19. Dezember 2016

Nennt mich Algo!

Nisten sich Gewohnheiten aus dem Netz auch im realen Leben ein?
Karikatur: Karlheinz Stannies
Wir haben bis heute keine Ahnung, was letztlich der Auslöser war. Aber plötzlich tropften traurige Tränen in unsere Bierchen. Wir heulten Rotz und Wasser.

Normalerweise ist das Media-Wichteln der ausgelassene Höhepunkt des Stammtisch-Jahres. Immer wieder erstaunlich, wie unpassend-passend manche Zufallsgeschenke sind. Der Onliner schluckte, als er den Schrubber bekam, ­lächelte aber wieder, als der ZDF-Kollege die Senioren-Haftcreme auspackte. Und der Rundfunk-Frau standen die Ohrenschützer eigentlich gut.

Auch als Print-Lady Nicole eine kleine Papierrolle freirupfte, war noch alles in Ordnung. Auf dem letzten Blatt stand: „Wir liefern den Lesern unsere Inhalte dort, wo sie es wollen. Wir haben herausgefunden, wo manche gerne lesen. Deshalb gibt's jetzt morgens die Zeitung auf bedrucktem Klopapier.“

Mannis Wichtel-Geschenk: eine Plastiksaftpresse und eine Orange. In die hatte jemand „Lügen“ geritzt. Da brachen die Dämme. Anne schluchzte: „Wir sind an allem schuld. Trump-Sieg? Schuldig! Das Wiedererstarken der Braunen? Schuldig! Flüchtlingskrise? Schuldig!“ Hans trompetete in sein Taschentuch: „Wir schreiben dafür, wir senden dagegen – egal. Keiner hört mehr auf uns.“ Gerda jammerte: „Niemand nimmt uns ernst. Jedem Facebooker mit 200 Followern wird mehr geglaubt als der gut ­recherchierten, überdachten Meldung von uns Profis.“

Eigentlich dachten wir: Soziale Medien sind keine Meinungsbildner, die durch echte Fakten und Vielfalt zum Nachdenken anregen wollen. Sie sind Meinungsverstärker – weil ihre Algorithmen immer nur das Gewollte in jede Interessenblase liefern. Völlig schnuppe, ob es Fake-News sind. „Die gaukeln jedem vor, dass er Recht hat“, brummte Bernd. „Inzwischen sollen sich Journalisten ja Communities suchen und für die dann Passendes schreiben. Gestatten, ich bin euer Rithmus, ihr dürft mich Algo nennen.“ Wir heulten kollektiv auf.

„Jungs, Mädels, ich brauche Euch. Wirklich.“ Wir hoben die Schniefnasen. Die Worte des Wirts waren wie Balsam. Der richtige Satz zur richtigen Zeit. Vereiste Seelen wurden warm. ­Jemand. Braucht. Uns. Wir stellten augenblicklich das Jammern ein und halfen ihm dabei, die vom Internet der Dinge zu früh bestellten Nachschubfässer im Keller zu verstauen.

 

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