Sonntag, 3. Februar 2013

Ruhrbarone: Was wir können und was nicht

Kann ein Blog eine Lokalredaktion ersetzen? Kann ein Blog Lokaljournalisten ernähren? Die Ruhrbarone ("Journalisten bloggen das Revier") sind mit einer Art Lokalteil in Dortmund eingestiegen. Sie gehören zu Deutschlands wichtigsten Blogs, sind mit 400.000 Anklickern ("unique user") und 1 Million Seitenabrufen ("page impressions") pro Monat das größte Regionalblog. Trotzdem wirft der Blog "nur ein paar Bier" ab, sagt Stefan Laurin. Der Kopf der Ruhrbarone erklärt, "was wir können und was nicht" und wo Finanzierungsprobleme liegen - proudly presented:

Von STEFAN LAURIN

Am Freitag gingen wir mit dem Lokalteil Dortmund online. Wir wurden – auch von den Kollegen der Ruhr Nachrichten – freundlich begrüßt, der Start lief besser, als wir es erwartet haben. Zeit, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was wir mit diesem Lokalteil schaffen können und was nicht, wo die Grenzen und die Chancen dieses Projekts liegen.

Stefan Laurin, ewig mit Fluppe
Jedem, der sich auch nur ein wenig mit Medien auskennt ist klar, dass das, was wir von den Ruhrbaronen mit dem Lokalteil-Dortmund am Freitag begonnen haben, nie ein Ersatz für den Lokalteil einer Tageszeitung sein kann, und wir haben das auch an jeder Stelle betont. Die DJV-NRW-Geschäftführerin Anja Zimmer hat es auf wdr.de eigentlich auf den Punkt gebracht:

Was die Ruhrbarone auf jeden Fall böten, meint sie, sei eine zweite Meinung. Bisher sei es in Dortmund so gewesen, dass die Ruhr-Nachrichten als eher konservativ und die Westfälische Rundschau als eher links gegolten haben. Dieses Gefüge sei durch das Ende eigener redaktioneller Inhalte in der Rundschau auseinandergebrochen. "Egal, wo sie jetzt nun stehen, es gibt eine Alternative", meint Zimmer.“

Nun gut, wir werden nicht nur eine zweite Meinung sein, sondern haben natürlich als Journalisten den Anspruch, auch aufzuklären und zu enthüllen und sind uns sicher, dass wir auch den einen oder anderen Scoop werden landen können, dass es uns gelingen wird, Hintergründe zu liefern, aber es ist auch klar, das unsere Möglichkeiten beschränkt sind, denn wir werden nicht schaffen können, was sehr guter Lokaljournalismus schaffen kann.
Die Arbeit zum Beispiel, der der Kollege Rolf Hartmann bis vor kurzem, er ist jetzt in Rente, bei der WAZ in Bochum leistete. Hartmann war für mich immer ein Beispiel für hervorragenden Lokaljournalismus, und dass er Wächterpreisträger ist, zeigt ja schon seine Qualität.

Wenn ich zusammen auf Pressekonferenzen mit Hartmann saß, hörte ich immer sehr genau zu: Durch seine jahrzehntelange Erfahrung wusste er mehr als wir anderen zusammen, meistens auch deutlich mehr als die Politiker. Hartmann hatte die Erfahrung von hunderten Rats- und Ausschusssitzungen. Er erinnerte sich bei einem Thema sehr genau daran, was die Stadtverwaltung vor ein paar Jahre dazu sagte und was sich jetzt geändert hatte. Und er fragte nach. Berharrlich und ruhig. Jede Pressekonferenz, die ich mit Rolf Hartmann erlebte, war für mich eine Lehrstunde zum Thema Lokaljournalismus, und dass er jetzt nicht mehr bei der WAZ Bochum ist, ist für diese Zeitung ein schwerer Verlust.

Seine Arbeit konnte Rolf Hartmann so gut machen, weil er die Zeit hatte, die vielen Sitzungen und Pressekonferenzen auch dann zu besuchen, wenn am Ende nur eine kleine Meldung abfiel. Aber wenn dann einmal etwas Wichtiges und Spannendes passierte, konnte er auf sein so erworbenes Wissen zurückgreifen. Zeit, sich mit Themen auseinanderzusetzen, ist eine der wichtigsten Grundlagen für guten Journalismus. Hartmann hatte diese Zeit – über Jahre. Und er bekam sie bezahlt.

Wir werden diese Zeit nicht haben, denn wir können es uns nicht leisten, unbezahlt Stunden über Stunden in Rats- und Ausschusssitzungen zu verbringen. Die meisten bei den Ruhrbaronen sind freie Journalisten. Das Blog machen wir nebenbei, es ist eine zeitintensive Leidenschaft, die kein Geld bringt: Einmal im Jahr gibt es eine Party, dort verfeiern wir den Gewinn. Ein paar hundert Euro kostet das - und viel teurer darf es auch nicht werden.

Wird sich das durch den Lokalteil Dortmund ändern? Nein, ich glaube nicht. Natürlich war ein Grund dafür den Lokalteil zu gründen, dass wir mit dem Blog Geld verdienen wollen. Aber es ist unrealistisch zu glauben, dass wir damit auch nur eine Redakteursstelle finanzieren können. Wenn diejenigen von uns, die am meisten arbeiten, am Ende mit 400 – 500 Euro im Monat nach Hausen gehen, wäre das ein Zuverdienst, der helfen würde, uns wirtschaftlich abzusichern. Das Blog wäre dann einer von mehreren Kunden, kein großer, aber vielleicht an Dauerhafter. Das ist, grob umrissen, unser wirtschaftliches Ziel und wie hoffen es in den kommenden Monaten erreichen zu können.

Der Grund für diesen Realismus ist die Entwicklung der letzten Jahre. Nicht die viel geschmähte Gratis-Kultur im Internet ist das Problem, sondern der Verlust des Werbeflächen-Monopols der Medien. Niemand muss heute mehr in Zeitungen oder Online-Medien schalten, wenn er werben will. Er kann es in der digitalen Welt überall tun. Die Werbeflächen haben sich vervielfacht und damit sind die Preise gesunken.

Ein Beispiel gefällig? Vergleicht man die Seitenaufrufe und die Leserzahlen der Ruhrbarone, dann liegen wir deutlich über allen Zahlen des 2005 eingestellten Stadtmagazins Marabo, bei dem ich Redakteur war – und das auch, wenn die die Zahlen aus den „guten Zeiten“ Anfang bis Mitte der 90er Jahre nehmen. Die Zahl der Marabo-Seiten x drei imaginären Lesern x Auflage: Das ernährte früher an die 15 Leute mit vollen Stellen, dazu gab es Geld für die Druckerei und die Auslieferungsfahrer. Die Ruhrbarone sind größer als es Marabo je war, wir sind relevanter und werden häufiger zitiert – und es reicht für ein paar Biere an einem Abend im Jahr.

Im Lokalen, sagen uns sie Kollegen von den Prenzlauer-Berg-Nachrichten, sei die Lage etwas besser, und so hoffen wir auf ein Mehr an Umsatz. Zur Finanzierung einer Redaktion wird es allerdings nicht reichen. Das ist undenkbar.

Wir müssen also sehr schnell damit beginnen, neue Finanzierungswege von Journalismus zu finden. Dortmund hat mit den Ruhr Nachrichten nur noch eine Redaktion? Hoffen wir, dass es die noch in zehn Jahren hat. Viele Städte haben heute schon keine eigene Lokalredaktion mehr und die Entwicklung hat erst begonnen.

Die Krise und unsere Existenzangst hat den Staat auf den Plan gerufen. Er wird versuchen, sich als Retter aufzuspielen und Rettungsringe zu verteilen. Aber diese Rettung wird nicht umsonst sein, sie wird ihren Preis haben, und dieser Preis wird unsere Unabhängigkeit sein.

Ich bin nicht bereit, diesen Preis zu zahlen – wir müssen also nachdenken: Stiftungen? Vereine? Genossenschaften? Die Gemeinnützigkeit des Journalismus? Wie kann Journalismus künftig finanziert werden – bislang hat niemand eine Antwort auf diese Frage gefunden. Wir sollten an ihrer Beantwortung arbeiten – denn bislang gibt es kein Geschäftsmodell, wie Journalismus zu finanzieren ist.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen